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Zu den Beiträgen dieses Bandes
Den Anfang dieses Sammelbandes macht
die erste Fassung der Negativen Ethik: Henning
Ottmanns Artikel Negative Ethik.
Oder: Warum es manchmal besser ist, nicht zu handeln, als schon
wieder einmal etwas zu tun (zuerst in: Arbeitsblätter
für ethische Forschung 20 (1988)). Versucht wird darin eine
Umorientierung der bisherigen Ethik, die sich vom Handeln zum Nicht-Handeln
wenden soll. Diese Ethik wird abgegrenzt vom reinen Nichtstun der
Tu-Nix oder von einem bloßen Lob der Faulheit, so verführerisch
diese auch sein mögen. Formuliert werden fünf Imperative
des »Lassens«:
»zu lassen, was schon besser getan worden ist, als man es
selbst tun könnte«;
»zu lassen, was andere besser tun als wir«;
»zu lassen, was schon aus sich selber werden kann, was es
sein soll«;
»zu lassen, was zum Überwiegen schlechter über
gute Folgen führt«;
»zu lassen, was man sowieso nicht ändern kann«.
Hans Saner
hatte 1988 eine Replik verfaßt, die hier wieder abgedruckt
wird: Formen negativer Ethik.
Saner skizziert darin vier mögliche Formen dieser Art von Ethik.
Der erste Typus ist gleichbedeutend mit einem Ethikverzicht, einem
Mißtrauen gegenüber
normativen Systemen. Vermutlich kommt der Beitrag von Urs Andreas
Sommer in diesem Band diesem Ethik-Typ nahe. Die zweite Form negativer
Ethik verbindet Saner mit der Nicht-Erkennbarkeit des Guten, mit
einem bonum absconditum. Annäherungen
an diese Form der Ethik bieten Poppers negativer Utilitarismus oder
die von Saner angemahnte und bis heute nicht ausreichend entwickelte
Ethik des Risikos. Eine dritte Form negativer Ethik könnte
man nach Saner in der Ablehnung abstrakter universeller Normen und
in der Betonung der Verantwortung des Individuums in konkreten Lagen
entdecken, eine »existenzphilosophische« Form negativer
Ethik. Als vierten Typus ordnet Saner schließlich die von
mir entwickelte Ethik des Nicht-Handelns ein. Dieser macht er zwei
Vorwürfe: erstens, daß auf das Handeln nicht verzichtet
werden könne, zweitens, daß Negative Ethik eine unkritische
Affirmation des Bestehenden sei.
Wer nur
den lieben Gott läßt walten der Beitrag von
Dirk Lüddecke kritisiert
Form und Inhalt der Negativen Ethik. Lüddecke bemängelt
die »imperativische« Form, die einer solchen Ethik nicht
angemessen sei. Auch müsse erst noch benannt werden, »was
das menschlich Gute (sei), zugunsten von dessen Selbstdurchsetzung
die Negative Ethik ihre Störmanöver
unternimmt«.
Der Autor verweist auf Hans Jonas Prinzip
Verantwortung, das ebenfalls einen Imperativ, und zwar den
der Erhaltung des menschlichen Lebens, proklamiert. Jonas Verantwortungsethik
und die Negative Ethik überschneiden sich in der Tat, etwa
in ihrer antiutopistischen Stoßrichtung oder im Ausgehen von
einer »Heuristik der Furcht«.
Wo Gebote sind, muß es einen Gebieter geben, wo Imperative,
einen Imperator. Die Logik ist bestechend. Nur sagt sie nichts darüber
aus, wer dieser Gesetzgeber ist. Ist es der einzelne, der sich selber
befiehlt? Oder sind es Gott und Gewissen, Tradition oder Natur,
die dem einzelnen befehlen? Da die Negative Ethik über Theologie
schweigt, kann man sie als eine säkulare Ethik verstehen. Zwingend
geboten ist ihr eine Theologie-Abstinenz jedoch nicht. Das von Negativer
Ethik geforderte Vertrauen in das, was auch ohne uns läuft,
ist theologisch erklärbar als Gnade. Der alte Streit um Gnade
und Werke, ihre Trennbarkeit oder ihre Synergie kann für die
Negative Ethik ein Hintergrund sein.
In seinem Beitrag Warteinweil
versucht Miguel Skirl genau dies,
die Negative Ethik vor einer säkularistischen Interpretation
zu bewahren. Nur wenn sie »nach oben« anschlußfähig
sei, entgehe sie dem Mißverständnis, als eine banale
Ethik der Stadtranderholung oder der bereits von der Bierwerbung
vereinnahmten handyfreien Zone mißverstanden zu werden. Mit
treffsicherem Florett traktiert Skirl das calvinistische Ethos der
Arbeit und das »protestantische« der Pünktlichkeit.
Er entwickelt eine christlich-katholische Philosophie des Wartens,
des Ausharrens, der patience. Der christliche Attentismus hat, was
der Gesellschaft von heute fehlt: Zeit. Den 2000 Jahren katholisch-abendländischer
Kultur des Wartens wird in vielerlei Reflexionen nachgegangen und
nachgehangen: der Apokalypse des Johannes, der Kirche als Verwalterin
der Zeit, Ignatius von Loyola, Shakespeare, der gregorianischen
Kalenderreform, Marilyn Monroe, dem Fegefeuer, Österreich,
Madame Bovary und dem Weihnachtsfest. Negative Ethik wird zum
Antidotum gegen die »Nichtmehrwartenkönnenkultur«.
Alles kommt zu dem, der warten kann. »Tout ce qui arrive est
adorable«. Die Kultur des Wartens ist von Pünktlichkeitsfanatismus
und durch des Wartens eigene, forcierte Dialektik bedroht. Moderne
Makroökononem bedienen sich der Spieltheorie »kultureller
Pünktlichkeitsvarianz«, um Unpünktlichkeit zu rechnen
und zu erledigen; das »Warten auf Godot«, auf der anderen
Seite, überfordert die Wartenden mit Verstörung. Dagegen
anempfiehlt Skirl die Engelsgeduld in der Liebe, in der Freundschaft,
in der Kultur und im Glauben seines Erachtens die höchste
aller Tugenden.
Negative Ethik kann sich in der Tat berufen auf die an sich gute
Schöpfung und die bereits geschehene Erlösung. Man muß
nicht alles selber machen, wenn das Entscheidende bereits geschehen
ist. Das letzte Wort kann getrost lauten: Mañana.
Andreas Urs
Sommer schlägt in Skeptische
und Negative Ethik vor, Negative Ethik in der Form einer
Skeptischen Ethik zu reformulieren. Die Skeptische Ethik räumt
anders als die Negative dem Nicht-Handeln keinen Vorzug vor
dem Handeln ein. Sie versteht sich überhaupt nicht als eine
»normative Ethik«, sondern als eine Metaethik. Skeptische
Ethik soll als metaethische Kontrollinstanz fungieren, welche Zweifel
an der Moralisierung aller Fragen weckt. Es gehe um eine »Moralaskese«.
Gefragt werden soll, »ob nicht Moralenthaltung rationaler
als Moralentfaltung« sei.
Die Skeptische Ethik wendet sich gegen hypertrophe Moralisierungen,
wie sie im Zeitalter der political correctness und anderer moderner
Zwänge grassieren. Diskussionen über Moral polarisieren.
Sie können Probleme schaffen, die ohne sie gar nicht existieren
würden.
In Nicht-Handeln als Beruf erklärt
Matthias Eberl den Intellektuellen
zum Anwalt Negativer Ethik. Ein Intellektueller ist, so Eberl, nicht
schon wer vom Worte lebt. Ein Intellektueller ist erst, wer der
Gesellschaft einen Spiegel vor Augen hält und sie zu gebotenen
Unterlassungen mahnt. Der Macht und den ökonomischen Interessen
steht ein solcher Intellektueller fern. Stattdessen artikuliert
er jene Interessen, die wie die der Natur oder die der kommenden
Generationen ansonsten sprachlos wären. Intellektuelle sind
für Eberl sogar Therapeuten, welche Mißstände nicht
nur beim Namen nennen, sondern auch für deren Beseitigung tätig
sind.
Eberls Plädoyer enthält sich aller Ressentiments, wie
sie gegen den »Verrat« der Intellektuellen oder ihre
Ferne von den Sachen gerne geäußert werden. Aus dem Nicht-Dabei-Sein
der Intellektuellen versucht Eberl das Beste zu machen. Den »Mundwerksburschen«
wird eine ideale Rolle zuerkannt. Sie könnten Gesellschaftskritiker
sein, die um so erfolgreicher kritisieren und appellieren, je mehr
sie eingebettet bleiben in ihre Gesellschaft, dieser die Diskrepanz
vorhalten, die zwischen deren Werten und deren Taten besteht. Das
Wort »embedded« hätte hier seinen guten Sinn.
Martin R.
Schütz, selbst Journalist, untersucht Die
journalistische Tugend der Unterlassung. Eine der ersten
Rezeptionen der Negativen Ethik war die eines Journalisten. (L.
Hasler, Die Tugend des Unterlassens, in: M. Haller / H. Holzhey
(Hrsg.), Medien-Ethik, Opladen 1992, 212231). Martin R. Schütz
vermag aus reicher eigener Erfahrung zu zeigen, wie häufig
inzwischen geworden ist, was man als Ausnahmefall betrachten möchte,
daß der Journalist gerade das nicht tut, wozu er eigentlich
da ist: zu veröffentlichen. Die ökonomische Konkurrenz,
der Drang zur Auflagensteigerung und zur Quote, die Boulevardisierung
der Medien, eine allzuwillige Öffentlichkeit, sie alle können
zusammenwirken und sie können dazu führen, daß das,
was besser unveröffentlicht bliebe, in den Druck gerät
oder bebildert wird. Darf man die Photos von Abu Ghraib veröffentlichen?
Muß man es nicht sogar? Darf man einen (mutmaßlichen)
Serientäter beim Namen nennen? Darf man alles sagen, aber nicht
alles zeigen? Warum soll man eine Veröffentlichung unterlassen?
Aus Takt? Aus Pflicht? Aus Interesse an der eigenen Glaubwürdigkeit?
Aus Interesse an der Demokratie und der Qualität ihrer Öffentlichkeit?
Man wird voraussagen dürfen, daß auch und gerade in den
Medien der Bedarf an Negativer Ethik wächst.
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