Henning Ottmann (Hrsg.): Negative Ethik. 2005, 220 S., 13 x 21 cm, Br. ISBN 3-937262-26-1, EUR 14,80/SFr. 26,00

 

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Zu den Beiträgen dieses Bandes

Den Anfang dieses Sammelbandes macht die erste Fassung der Negativen Ethik: Henning Ottmanns Artikel Negative Ethik. Oder: Warum es manchmal besser ist, nicht zu handeln, als schon wieder einmal etwas zu tun (zuerst in: Arbeitsblätter für ethische Forschung 20 (1988)). Versucht wird darin eine Umorientierung der bisherigen Ethik, die sich vom Handeln zum Nicht-Handeln wenden soll. Diese Ethik wird abgegrenzt vom reinen Nichtstun der Tu-Nix oder von einem bloßen Lob der Faulheit, so verführerisch diese auch sein mögen. Formuliert werden fünf Imperative des »Lassens«:
– »zu lassen, was schon besser getan worden ist, als man es selbst tun könnte«;
– »zu lassen, was andere besser tun als wir«;
– »zu lassen, was schon aus sich selber werden kann, was es sein soll«;
– »zu lassen, was zum Überwiegen schlechter über gute Folgen führt«;
– »zu lassen, was man sowieso nicht ändern kann«.

Hans Saner hatte 1988 eine Replik verfaßt, die hier wieder abgedruckt wird: Formen negativer Ethik. Saner skizziert darin vier mögliche Formen dieser Art von Ethik. Der erste Typus ist gleichbedeutend mit einem Ethikverzicht, einem Mißtrauen gegenüber
normativen Systemen. Vermutlich kommt der Beitrag von Urs Andreas Sommer in diesem Band diesem Ethik-Typ nahe. Die zweite Form negativer Ethik verbindet Saner mit der Nicht-Erkennbarkeit des Guten, mit einem bonum absconditum. Annäherungen an diese Form der Ethik bieten Poppers negativer Utilitarismus oder die von Saner angemahnte und bis heute nicht ausreichend entwickelte Ethik des Risikos. Eine dritte Form negativer Ethik könnte man nach Saner in der Ablehnung abstrakter universeller Normen und in der Betonung der Verantwortung des Individuums in konkreten Lagen entdecken, eine »existenzphilosophische« Form negativer Ethik. Als vierten Typus ordnet Saner schließlich die von mir entwickelte Ethik des Nicht-Handelns ein. Dieser macht er zwei Vorwürfe: erstens, daß auf das Handeln nicht verzichtet werden könne, zweitens, daß Negative Ethik eine unkritische Affirmation des Bestehenden sei.

Wer nur den lieben Gott läßt walten – der Beitrag von Dirk Lüddecke – kritisiert Form und Inhalt der Negativen Ethik. Lüddecke bemängelt die »imperativische« Form, die einer solchen Ethik nicht angemessen sei. Auch müsse erst noch benannt werden, »was das menschlich Gute (sei), zugunsten von dessen Selbstdurchsetzung die Negative Ethik ihre Störmanöver … unternimmt«. Der Autor verweist auf Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung, das ebenfalls einen Imperativ, und zwar den der Erhaltung des menschlichen Lebens, proklamiert. Jonas’ Verantwortungsethik und die Negative Ethik überschneiden sich in der Tat, etwa in ihrer antiutopistischen Stoßrichtung oder im Ausgehen von einer »Heuristik der Furcht«.
Wo Gebote sind, muß es einen Gebieter geben, wo Imperative, einen Imperator. Die Logik ist bestechend. Nur sagt sie nichts darüber aus, wer dieser Gesetzgeber ist. Ist es der einzelne, der sich selber befiehlt? Oder sind es Gott und Gewissen, Tradition oder Natur, die dem einzelnen befehlen? Da die Negative Ethik über Theologie schweigt, kann man sie als eine säkulare Ethik verstehen. Zwingend geboten ist ihr eine Theologie-Abstinenz jedoch nicht. Das von Negativer Ethik geforderte Vertrauen in das, was auch ohne uns läuft, ist theologisch erklärbar als Gnade. Der alte Streit um Gnade und Werke, ihre Trennbarkeit oder ihre Synergie kann für die Negative Ethik ein Hintergrund sein.

In seinem Beitrag Warteinweil versucht Miguel Skirl genau dies, die Negative Ethik vor einer säkularistischen Interpretation zu bewahren. Nur wenn sie »nach oben« anschlußfähig sei, entgehe sie dem Mißverständnis, als eine banale Ethik der Stadtranderholung oder der bereits von der Bierwerbung vereinnahmten handyfreien Zone mißverstanden zu werden. Mit treffsicherem Florett traktiert Skirl das calvinistische Ethos der Arbeit und das »protestantische« der Pünktlichkeit. Er entwickelt eine christlich-katholische Philosophie des Wartens, des Ausharrens, der patience. Der christliche Attentismus hat, was der Gesellschaft von heute fehlt: Zeit. Den 2000 Jahren katholisch-abendländischer Kultur des Wartens wird in vielerlei Reflexionen nachgegangen und nachgehangen: der Apokalypse des Johannes, der Kirche als Verwalterin der Zeit, Ignatius von Loyola, Shakespeare, der gregorianischen Kalenderreform, Marilyn Monroe, dem Fegefeuer, Österreich, Madame Bovary — und dem Weihnachtsfest. Negative Ethik wird zum Antidotum gegen die »Nichtmehrwartenkönnenkultur«. Alles kommt zu dem, der warten kann. »Tout ce qui arrive est adorable«. Die Kultur des Wartens ist von Pünktlichkeitsfanatismus und durch des Wartens eigene, forcierte Dialektik bedroht. Moderne Makroökononem bedienen sich der Spieltheorie »kultureller Pünktlichkeitsvarianz«, um Unpünktlichkeit zu rechnen und zu erledigen; das »Warten auf Godot«, auf der anderen Seite, überfordert die Wartenden mit Verstörung. Dagegen anempfiehlt Skirl die Engelsgeduld – in der Liebe, in der Freundschaft, in der Kultur und im Glauben – seines Erachtens die höchste aller Tugenden.
Negative Ethik kann sich in der Tat berufen auf die an sich gute Schöpfung und die bereits geschehene Erlösung. Man muß nicht alles selber machen, wenn das Entscheidende bereits geschehen ist. Das letzte Wort kann getrost lauten: Mañana.

Andreas Urs Sommer schlägt in Skeptische und Negative Ethik vor, Negative Ethik in der Form einer Skeptischen Ethik zu reformulieren. Die Skeptische Ethik räumt – anders als die Negative – dem Nicht-Handeln keinen Vorzug vor dem Handeln ein. Sie versteht sich überhaupt nicht als eine »normative Ethik«, sondern als eine Metaethik. Skeptische Ethik soll als metaethische Kontrollinstanz fungieren, welche Zweifel an der Moralisierung aller Fragen weckt. Es gehe um eine »Moralaskese«. Gefragt werden soll, »ob nicht Moralenthaltung rationaler als Moralentfaltung« sei.
Die Skeptische Ethik wendet sich gegen hypertrophe Moralisierungen, wie sie im Zeitalter der political correctness und anderer moderner Zwänge grassieren. Diskussionen über Moral polarisieren. Sie können Probleme schaffen, die ohne sie gar nicht existieren würden.

In Nicht-Handeln als Beruf erklärt Matthias Eberl den Intellektuellen zum Anwalt Negativer Ethik. Ein Intellektueller ist, so Eberl, nicht schon wer vom Worte lebt. Ein Intellektueller ist erst, wer der Gesellschaft einen Spiegel vor Augen hält und sie zu gebotenen Unterlassungen mahnt. Der Macht und den ökonomischen Interessen steht ein solcher Intellektueller fern. Stattdessen artikuliert er jene Interessen, die wie die der Natur oder die der kommenden Generationen ansonsten sprachlos wären. Intellektuelle sind für Eberl sogar Therapeuten, welche Mißstände nicht nur beim Namen nennen, sondern auch für deren Beseitigung tätig sind.
Eberls Plädoyer enthält sich aller Ressentiments, wie sie gegen den »Verrat« der Intellektuellen oder ihre Ferne von den Sachen gerne geäußert werden. Aus dem Nicht-Dabei-Sein der Intellektuellen versucht Eberl das Beste zu machen. Den »Mundwerksburschen« wird eine ideale Rolle zuerkannt. Sie könnten Gesellschaftskritiker sein, die um so erfolgreicher kritisieren und appellieren, je mehr sie eingebettet bleiben in ihre Gesellschaft, dieser die Diskrepanz vorhalten, die zwischen deren Werten und deren Taten besteht. Das Wort »embedded« hätte hier seinen guten Sinn.

Martin R. Schütz, selbst Journalist, untersucht Die journalistische Tugend der Unterlassung. Eine der ersten Rezeptionen der Negativen Ethik war die eines Journalisten. (L. Hasler, Die Tugend des Unterlassens, in: M. Haller / H. Holzhey (Hrsg.), Medien-Ethik, Opladen 1992, 212–231). Martin R. Schütz vermag aus reicher eigener Erfahrung zu zeigen, wie häufig inzwischen geworden ist, was man als Ausnahmefall betrachten möchte, daß der Journalist gerade das nicht tut, wozu er eigentlich da ist: zu veröffentlichen. Die ökonomische Konkurrenz, der Drang zur Auflagensteigerung und zur Quote, die Boulevardisierung der Medien, eine allzuwillige Öffentlichkeit, sie alle können zusammenwirken und sie können dazu führen, daß das, was besser unveröffentlicht bliebe, in den Druck gerät oder bebildert wird. Darf man die Photos von Abu Ghraib veröffentlichen? Muß man es nicht sogar? Darf man einen (mutmaßlichen) Serientäter beim Namen nennen? Darf man alles sagen, aber nicht alles zeigen? Warum soll man eine Veröffentlichung unterlassen? Aus Takt? Aus Pflicht? Aus Interesse an der eigenen Glaubwürdigkeit? Aus Interesse an der Demokratie und der Qualität ihrer Öffentlichkeit? Man wird voraussagen dürfen, daß auch und gerade in den Medien der Bedarf an Negativer Ethik wächst.