Jost Schieren

Anschauende Urteilskraft

Methodische und philosophische Grundlagen von Goethes naturwissenschaftlichem Erkennen

1998, 21 x13 cm, Br., 240 S., ISBN 3-930450-27-5, EUR 19,80 / sFr 35,80

 

Jost Schieren (geb. 1963), studierte in Bochum und Essen Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Gaststudium in Ann Arbor (Michigan, USA). 1997 promovierte er mit der vorliegenden Arbeit. Er ist als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig und seit 1996 Deutschlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Dortmund.

     

Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten sind seit ihrem Erscheinen Gegenstand intensiver kritischer Auseinandersetzung gewesen. Dies vor allem deshalb, weil sie sich dem Konsens eines allein quantitativ ausgerichteten, mathematischen Verfahrens nicht unterworfen haben. Goethe war demgegenüber bemüht, den qualitativen Gehalt eines Forschungsgegenstandes zu erschließen.

Der Autor legt dar, daß Goethes Naturwissenschaft nicht einfach naiv-realistisch – wie vielfach unterstellt – eine künstlerische Weltsicht vertritt, sondern wesentliche Positionen insbesondere der kritischen, aber auch der antiken Philosophie reflektiert. In einer an Kant angelehnten krititschen Besinnung wird sich Goethe des Dualismus von Idee und Erfahrung philosophisch bewußt. Dies bedeutet für ihn jedoch keine prinzipielle Unvereinbarkeit. Die Steigerung des erkennenden Vermögens führt faktisch je und je zu einer Anschauung der ideell-gestaltbildenden Kräfte der Natur.

In diesem Sinne fordert Goethes Erkenntnisidee einen neuen Begriff von Wissenschaft, der diese nicht als ein bibliothekarisch verfüg- und abrufbares Wissen begreift, sondern als einen Entwicklungsprozeß des wissenschaftlichen Individuums selbst, das im Erkennen ein Welt und Mensch umgreifendes Wirklichkeitsbewußtsein begründet. Diese ethische Dimension des Erkennens verleiht Goethes Wissenschaft gegenwärtig besondere Aktualität.